Archiv für Monat:September, 2009

Das Ende der Kostenlos-Kultur im Internet?

30 Sep
30. September 2009

Die Medien- und Contentindustrie steckt in einem scheinbar ausweglosen Dilemma: sie ist auf Einnahmen angewiesen, konkurriert aber mit Anbietern die ihre Ware kostenlos anbieten. Ganz gleich ob Information oder Unterhaltung: im guten, alten analogen Zeitalter war die Welt für Verlage sowie für die Musik- und Filmindustrie noch in Ordnung. Märkte waren klar definiert und wer eine Zeitung, ein Magazin, eine CD oder DVD konsumieren wollte bezahlte dafür. In der digitalen Welt des Web 2.0 fließen Informationen schnell – und zum Leidwesen der Industrie kostenlos. Geld wird, wenn überhaupt, mit Werbung verdient.

Betrachtet man die Entwicklung der Kommunikation über die Jahre und Jahrzehnte genauer wird schnell klar, dass sich die Kultur nachhaltig gewandelt hat. Im analogen Zeitalter wurden Information eins zu eins, von Person zu Person ausgetauscht. Wer an der Information verdienen wollte, tat das durch Wertschöpfung: Nachrichtenagenturen sorgten für zeitnahe Informationsverteilung, Verlage druckten und verkauften Zeitungen oder Bücher, die Medienindustrie produzierte Unterhaltung und verkaufte Tonträger, Filme oder Videos.

Im Internetzeitalter, in dem praktisch jeder mit jedem vernetzt ist, entfallen schlagartig viele dieser Dienstleistungen. Soziale Netzwerke sorgen für die Verteilung von Nachrichten, Publikationen sind digital schneller verfügbar als Bücher oder Zeitschriften. Ton- und Datenträger werden im Zeitalter von Downloads mehr und mehr überflüssig. Die Informationsvielfalt nimmt zu und in je größerem Maße wirtschaftliche Güter verfügbar sind, desto geringer ist ihr Wert.

Diese Entwicklung, die sich innerhalb weniger Jahre vollzogen hat, hat die Industrie weitestgehend verschlafen. Im sicheren Glauben an einen Status Quo, festgelegt durch räumliche und gesetzliche Rahmenbedingungen, müssen Anbieter von Informationen und Inhalten heute zusehen wie ihre Ware verramscht wird. Man versucht sich in Protektionismus durch Kopierschutzmaßnahmen oder in der Schaffung von gesetzlichen Rahmenbedingungen, um deren Einhaltung sich im globalen Internet freilich niemand schert.

Dabei ist die Lösung einfach: an Dienstleistung und Wertschöpfung lässt sich auch im digitalen Zeitalter Geld verdienen. Sicher wird heute niemand mehr für die Überbringung von Nachrichten Geld bezahlen, wohl aber für deren qualitativ hochwertige Aufbereitung oder für fachliches Hintergrundwissen. Am Verkauf von Musikdateien Geld zu verdienen zu wollen ist sinnlos – zu inflationär ist die Ware Musik bereits im Netz verfügbar. Schneller Zugriff auf Musik- und Videodateien, in guter Qualität und mit freier Formatwahl ist dagegen immer noch Mangelware – ebenso wie intelligente Streaming-Lösungen. Pauschale Vergütungsmodelle, wie sie heute schon in Form der GEMA bestehen, wären eine unbürokratische Lösung.

Zu hoch waren die Gewinnmargen der Medien- und Contentindustrie in der Vergangenheit als dass ein Umdenken freiwillig erfolgen würde. Die Weitergabe von Wissen und Informationen war aber immer schon frei – ein Umstand, dem Diktaturen ebenso wenig entgegen stehen konnten wie technische Restriktionen. Die Gewinner dieser Entwicklung werden die innovativen Unternehmen sein.

JAKO – oder wo der gesunde Menschenverstand aufhört

02 Sep
2. September 2009

Als ich mich Anfang der 90er Jahre selbstständig gemacht hatte, versuchte ich eine Forderung von etwas über 1000 DM von einem Kunden einzuklagen. Ich hatte meine Leistungen vereinbarungsgemäß erbracht, aber der Kunde suchte das Haar in der Suppe und weigerte sich zu zahlen. Ich ging also vor Gericht – und erreichte einen Vergleich von etwa der Hälfte der Forderungssumme. Verglichen mit dem Aufwand und dem Verdienstausfall den ich wegen dieser 500 DM hatte, war die Klage absolut sinnlos.

Genau entgegengesetzt läuft es derzeit im “rechtsfreien Raum Internet”: wenn der Goliath in Form einer Firma, vertreten durch eine Anwaltskanzlei den David verklagt, rät der gesunde Menschenverstand eher zu zahlen – bevor die Kosten im Falle einer Klage astronomische Höhen erreichen. Das dachte sich auch Frank Baade, der in seinem Blog einige abfällige Bemerkungen über die schwäbische Firma JAKO zum besten gab und deshalb abgemahnt wurde. Baade zahlte und nahm den beanstandeten Text von seiner Website.

Blöderweise vergisst das Internet nichts und der fragwürdige Text tauchte später an anderer Stelle im Internet über einen News-Aggregator wieder auf. JAKO sah sich daher dazu veranlasst, Baade erneut abzuwatschen zu lassen, diesmal mit einer Keule von über 5000€,  verbunden mit der Drohung, dass Baade weitere Kosten entstünden sollte er nicht Sorge tragen, dass der Text aus dem Internet verschwindet – was dieser natürlich nicht kann.

Der Sachverhalt wird schließlich in epischer Breite im Internet publik und schneller als JAKO Rechtsanwalt sagen kann, verbreitet sich Baades Story. Spätestens wenn die meistgelesene Online-Publikation SPON die Story veröffentlicht kann man wohl von einem PR-GAU sprechen, der JAKO widerfahren ist. Die Blogosphäre als Multiplikator für negative Publicity – sozusagen das krasse Gegenteil von viralem Marketing.

Ich habe am Anfang meiner Selbstständigkeit gelernt, dass Forderungsausfälle zum Geschäft gehören und weiß jetzt mit ihnen umzugehen. JAKO dürfte ebenfalls schmerzhaft gelernt haben, dass man mit unliebsamen Äußerungen gegen das Unternehmen auch souverän umgehen kann, nämlich indem man den Hörer in die Hand nimmt und zuallererst versucht, Meinungsverschiedenheiten mit der betreffenden Person auszuräumen – so wie es der gesunde Menschenverstand eben raten würde.

Fazit: der Rechtsweg ist nicht immer der intelligenteste oder: wer jemandem an’s Bein pinkeln will, sollte vorher prüfen woher der Wind weht.