Zeit zur seelischen Erhebung

02 Dez
2. Dezember 2009

Die Weimarer Reichsverfassung erachtete 1919 die Sonntagsruhe für die “seelische Erhebung” als notwendig – und gesetzlich schützenswert. Dieser Ansicht folgte das Bundesverfassungsgericht 90 Jahre später und kippte eine liberale Regelung des Bundeslandes Berlin, die dem dem Einzelhandel die Ladenöffnung an den vier Adventssonntagen vor Weihnachten gestattet.

Das spannende an diesem Urteil ist, dass es nun im Prinzip jedermann möglich ist, die Sonntagsruhe einzuklagen und zwar nicht nur denjenigen, die sich in der Ausübung ihrer Religion beeinträchtigt fühlen: das Urteil trägt nämlich laut Verfassungsgericht “den menschlichen Bedürfnissen Rechnung”.

Er würde vermutlich Hirn vom Himmel werfen, wenn er denn könnte.

Vielleicht wirft er Hirn vom Himmel?

Denken wir also einen Moment über das menschliche Bedürfnis zur seelischen Erhebung und das damit verbundene Grundrecht auf Sonntagsruhe nach. Tanken und Bier kaufen stellt eine Ausnahme der Sonntagsruhe dar, stört die seelische Erhebung also nicht. Das Auto durch die Waschstraße fahren ist nicht seelisch erbauend genug und daher verboten – Autos bauen dagegen nicht. Sonntags essen gehen ist familienfördernd und seelisch erhebend, aber eben nur für Gäste. Für das Personal muss die seelische Erhebung eben auch mal auf den Dienstag oder einen anderen Werktag verschoben werden. Brötchen dürfen mittlerweile nach langen Kampf Sonntags verkauft werden – von seelischen Folgeschäden ist immerhin noch nichts bekannt geworden.

Überhaupt scheint sich der Wunsch der Gesellschaft nach seelischer Erhebung im 21. Jahrhundert gewandelt zu haben. Shopping wird wie schwimmen, wandern oder Kino als Freizeitbeschäftigung empfunden. Während also der Bademeister im Schwimmbad auf seelische Erhebung am Sonntag verzichten muss, hat der Verkäufer im Einzelhandel Gelegenheit dazu – solange er nicht an einem Flughafen, Bahnhof oder an einer Tankstelle arbeitet. Zu guter Letzt hat das höchste deutsche Gericht in seinem Bemühen, die Gesellschaft vor dem seelischen Super-GAU zu bewahren auch diejenigen vergessen, die sich am Freitag oder Samstag zum Zwecke der Erhebung aus dem Arbeitsprozess ausklinken möchten: Moslems und Juden beispielsweise. Eine allgemein gültige Regelung zur Sonntagsruhe scheint also seine Tücken zu haben: überall dort, wo es Menschen mit dem Wunsch nach seelischer Erbauung gibt, geht es nicht ohne die, die genau darauf verzichten müssen.

Geklagt haben übrigens die Kirchen – also genau die, die aufgrund ihrer weltfremden Einstellung und dogmatischen Regeln Jahr für Jahr mehr Probleme haben, ihre Schäfchen bei der Stange zu halten. Ich wünsche eine angenehme Sonntagsruhe und kein allzu unangenehmes Erwachen aus dem Tiefschlaf.

5 Antworten
  1. gissmog says:

    Aber uns Sonntags immer in die Kirche locken wollen!!! Vollspacken!!

  2. U9TA says:

    Ich fühle mich durch sonntägliche Gottesdienste & Messen unerträglich in meiner seelischen Erhebung beeinträchtigt. Und es gibt die eine oder andere Sonntagsruhe-Politikerin & -Gewerkschafterin bei der ich auch mit Viagra keine körperliche Erhebung zustande brächte…

  3. Jens Arne Männig says:

    Jetzt sei doch erstmal froh, dass noch keiner auf die Idee gekommen ist, dass man ja konsequenterweise auch das Online-Shopping sonntags verbieten müsste und vielleicht an Sonn- und kirchlichen Feiertagen überhaupt nur den Zugang zu christlichen Webseiten erlaubt.

    Schon mal am Sabbat in Israel Aufzug gefahren? Der hält dann nämlich in jedem Stockwerk und man wartet, bis die Türen auf- und wieder zugegangen sind. Technische Geräte darf man nämlich am Sabbat nicht bedienen und daher natürlich auch die Knöpfchen des Aufzugs nicht drücken. Du siehst also: Es geht immer noch etwas schlimmer.

  4. Yvonne says:

    Am siebten Tage sollst du ruhn, oder es mit deiner Alten tun!

    :-D

    In diesem Sinne … schöne Adventssonntage!

  5. Antonius Reyntjes says:

    Die “seelische Erhebung” als hier kurios restauriertes Merkmal der Sonntagsruhe – sie ist und grundlegend, längst permant, sieben Tage lange gestört durch Werbung und medialen Unsinn; Sport und events; Feier- und Sauferei.

    Wer sonntags Nachmittags in allen Programmen (ob GEZ-bezahlt oder in durch unser Geld, das stillschweigend als Werbeanteil aufgeschlagen wird – ist in privat-ausbeuterischen “Anstalten”) TV kuckt, erlebt einen Unsinn, der weder was mit “seelisch”, noch mit “Erhebung” zu tun hat, sondern mit Desinfomation und Verdummung von Menschlein, die sich nicht eigenverantwortlich verhalen könne, wie früher die Männer – (nach dem mit Auswendiglernen und Stocktanz geregelten Besuch in den kasernenmäßigen Volksschuleen) in der “Schule der Nation”: mit Kmomisbrot, Gehorchen, Satt- und Suffwerden, Sex suchen – in der K r i e g svorbereitung.

    2/3 der medial abhängigen Bevölkerung, nicht nur das Prekariat – kann sich dem nicht entziehen, außer durch Krawall, Besuff und Besexung.
    Die Frauen, soweit sie überhaupt den Mut hatten, sich auf Männer und ihre Zeugegechächte einzulassen, hatten es auszuhalten, wie (nicht nur…) Mörike es schon in seinem Gedicht „Das Hauskreuz“ beschrieb: “Das Hauskreuz ist gleich bei der Hand.”

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