Datenschutz
Unwillkürlich fiel mir gestern der alte Witz von dem Elefanten ein, der durch einen Ameisenhaufen getrampelt ist. Der Elefant schüttelt unbeeindruckt die aufgebrachten Ameisen ab, bis auf eine - der rufen sie dann zu: "Würg ihn, Egon... würg ihn!"
Unsere Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) ist eine solche Ameise, die sich gerade an Facebook-Chef Mark Zuckerberg reibt. Sie droht mit der Kündigung ihres Facebook-Accounts, sollte das soziale Netzwerk (mehr als 400 Mio. Benutzer weltweit) künftig nicht sorgfältiger mit den privaten Daten seiner Mitglieder umgehen. Mark Zuckerberg wird seit gestern nicht mehr ruhig schlafen können. Konkret ging es um die Ankündigung von Facebook, Benutzerdaten künftig ausgewählten dritten Unternehmen zur Verfügung stellen zu wollen. So nutzen z.B. die Nutzer von AIM ihre Facebook-Identität, um sich bei diesem Dienst anzumelden.
So weit, so gut. Man möchte der wackeren Ilse gerne glauben, dass sie sich so sehr um die privaten Daten ihrer Wähler und Wählerinnen sorgt, hätte sie in der letzten Legislaturperiode nicht nur für die Internetzensur, sondern auch für die Vorratsdatenspeicherung gestimmt. Und wäre da nicht auch der höchst umstrittene elektronische Entgeltnachweis ELENA, der Daten von Arbeitnehmern ebenfalls millionenfach speichert, wie z.B. die Teilnahme an Streiks oder Fehlzeiten durch Krankheit. Zugegeben, ELENA liegt nicht in Frau Aigners Resort - und lässt sich auch nicht so medienwirksam vor den eigenen Karren spannen.
Ich werde auch oft gefragt, warum ich meine Daten Twitter, Facebook und anderen sozialen Netzwerken zur Verfügung stelle. Um ehrlich zu sein: es ist mir herzlich egal, was sie damit machen. Vielleicht liegt das daran, dass ich das Internet seit der Zeit nutze, als man sich noch mit dem Modem einwählen musste. Seit damals nehme ich das Internet als Netzwerk ohne nationale Grenzen wahr und achte auf meine Daten. Was über mich öffentlich zu lesen ist, bestimme ich - und nicht Facebook oder ein anderes Netzwerk. Das beginnt damit, dass ich mir überlege was ich freigebe und endet mit der Auswahl der potentiellen Zielgruppe, der ich Zugriff auf diese Informationen gewähre.
Ein Netzwerk wie Facebook ist kein altruistischer Verein, der Serverfarmen und Personal kostenlos zur Verfügung stellt sondern ein Wirtschaftsbetrieb. Natürlich werden Datenprofile zum Zwecke der Werbung erstellt. Ein Geschäftsmodell, das in ähnlicher Form auch Payback betreibt. Payback gewährt Rabatt gegen Daten, so viel ich weiß ohne bisher bei Frau Aigner angeeckt zu sein. Direktmarketing-Gesellschaften wie Schober verfügen schon seit Jahren über umfangreiche Datenprofile, die jedem gegen Bezahlung zugänglich sind. Personen mit Mercedes und Eigenheim in einen bestimmten Stadtviertel? Kein Problem, geht völlig ohne Google.
Im Gegensatz zu ELENA ist die Teilnahme an sozialen Netzwerken wie Facebook freiwillig. Der Zweck eines sozialen Netzwerks ist, Informationen auszutauschen und wem das keinen Spaß macht, der läßt es eben. Mir geht jedenfalls das ewige Lamento der (in der Regel fachunkundigen) Politiker oder Journalisten über Google, Facebook und wie sie alle heißen allmählich auf den Geist. Aufklärung gerne, aber verteufeln muss man soziale Netzwerke nicht. Jede Mail die ich versende landet auf einem Server, der wiederum von Menschen administriert wird, die potentiell auf meine Daten zugreifen könnten - auch ohne Datenschutzbestimmungen, denen ich vorab zugestimmt haben soll wie es die Politik jetzt von Google fordert.
Man hat früher auch nicht in Postkarten aus dem Urlaub über Saufgelage und Sexorgien berichtet wenn man nicht wußte, was der Empfänger mit diesen Informationen anstellen würde. Bei sozialen Netzwerken ist es nicht anders. Wenn ich meine Friends und Follower nur oberflächlich kenne, gebe ich ihnen auch nur oberflächliche Informationen frei. Was sie dann damit anstellen, muss mich dann auch nicht beunruhigen.

April 6th, 2010
“Man hat früher auch nicht in Postkarten aus dem Urlaub über Saufgelage und Sexorgien berichtet” … jetzt machst du mich neugierig!