Erik Schimmel Was raus muss, muss raus.

23Mai/100

Die Google Street View Paranoia

Seit dem Streit um gesperrte Internetseiten im Kampf gegen Kinderpornographie habe ich eines gelernt: die breite Öffentlichkeit hat von der Funktionsweise des Internets in etwa soviel Ahnung wie von Astrophysik, Molekularbiologie oder Differentialrechnung. So ist es nicht verwunderlich, dass die Berichterstattung um Google Street View in den Medien im allgemeinen reißerisch, die Aussagen der Politiker weitgehend unzutreffend und die Reaktion der breiten Masse überwiegend ablehnend ist. Otto Normalsurfer googelt zwar gerne nach Schweinkram und Softwaredownloads, vor dem heimischen Jägerzaun aber hört der Spaß auf.

Bei Google Street View erkennt man im Grunde nichts, was man nicht auch von der Straße aus sehen könnte. Daher wundert es nicht wirklich, dass kein Gesetz das fotografieren und veröffentlichen von Gebäuden verbietet, Wohnhäuser eingeschlossen. Verbraucherministerin Aigner sieht das anders und hat dem Internetriesen ein Widerspruchsrecht abgerungen, nach ihren Worten um "nicht auf dem Präsentierteller der digitalen Welt" zu landen. Vielleicht hätte es Google einfach cleverer anstellen und Street View zu einem Wettbewerb um den schönsten Vorgarten deklarieren sollen - die Aufregung wäre vermutlich halb so groß gewesen. So werden seitens der Politik und der Medien lieber Vorurteile bedient und Ängste geschürt.

Google Street View im Amtsblatt Filderstadt

Google Street View im Amtsblatt Filderstadt

Das Amtsblatt Filderstadt weist z.B. in der Ausgabe vom 21.5.2010 auf Seite 2 rot umrandet auf das Widerspruchsrecht hin - natürlich ohne über den Dienst per se aufzuklären. Warum sollte man auch wissen, wogegen man Widerspruch einlegt?

Wer sich nach dem Besuch des Apple Stores in der 5th Avenue nach einem Straßencafé umsehen möchte, kann das z.B. hier tun. Wer sich in Deutschland dafür interessiert, in welche Gegend er zieht oder wie die neue Schule der Kinder aussieht könnte das in Zukunft auch. Wer argumentiert, dass sich Street View als Hilfsmittel für Einbruchsstreifzüge mißbrauchen lässt, müsste ebenso konsequent das Auto als Fluchtfahrzeug für Banküberfälle oder das Mobiltelefon als Hilfsmittel für Drogenhändler verbieten.

Ich halte Datenschutz für wichtig und notwendig. Niemand sollte über Street View identifiziert werden können, weder im Vorgarten sitzend noch beim Verlassen der Arztpraxis. Ein Haus betrachte ich aber als öffentlich - was ich beim vorbeigehen erkennen kann, sehe ich nicht mehr als schützenswerte Privatsphäre an. Wer auf totale Abschottung Wert legt, sollte den Jägerzaun gegen eine Hecke eintauschen.

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13Mai/100

Der Bratmaxe und andere Grausamkeiten

Die Grillsaison ist kaum angebrochen, schon schallt uns der "Bratmaxe-Song" aus allen Kanälen entgegen. "Ganz Deutschland singt den Bratmaxe-Song", zumindest hätte Hersteller Meica das gerne. Ganz Deutschland? Nein, nur Tim aus Rostock, Guido aus Soest oder Familie Weber aus Mainz. Der Rest Deutschlands rätselt, welchen Torturen Meicas Werbedarsteller wohl ausgesetzt wurden, um derart schauerliche Töne absondern zu können. Sicher ist ihnen auf jeden Fall, für den Rest ihres Lebens als Bratmaxe gebrandmarkt und verspottet durchs Leben gehen zu müssen.

Betrachtet man Internet-Communities wie Facebook, befindet sich der Bratmaxe in guter Gesellschaft mit anderen Werbe-Quälgeistern: Carglass rechnet vermutlich damit, dass die Zuhörer der Werbespots aus Verzweiflung ihren Kopf gegen die Scheiben ihrer Fahrzeuge donnern (oder einen der dialektsprechenden Mitarbeiter aus der Werbung) und Seitenbacher ist nicht gut für die Verdauung, sondern verursacht Bluthochdruck - bei mir zumindest.

Dass es auch besser geht, zeigte der MediaMarkt vor Jahren mit Joachim Steinhöfel als Werbefigur - an die Spots erinnere ich mich heute noch. McDonalds Spots waren vor dem unsäglichen "Ich liebe es"® mal witzig. Auch Nullinger und Fieslinger von der Sparda-Bank zeigen, dass man den Leuten nicht mit der gleichen Werbebotschaft wieder und wieder auf den Wecker gehen muss - die Halbwertszeit der Spots ist erfreulich gering.

Nun verfolgen Meica, Seitenbacher oder Carglass ganz sicher nicht das Ziel, ihre Kundschaft zu unterhalten. Wenn Werbung aber derart an den Nerven rüttelt, dass man während deren Ausstrahlung schneller den Sender wechselt als beim Auftauchen von Bill Kaulitz bleibt nur zu hoffen, dass der erwünschte unbewusste Erinnerungseffekt in einen bewussten Vermeidungsreflex umschlägt. Da Bratmaxe, Carglass und Seitenbacher uns jedoch schon seit Jahren mit ihren Spots terrorisieren ist zu befürchten, dass die Werbebotschaft bei einem gewissen Teil der Bevölkerung Wirkung zeigt. Eine grausame Vorstellung...

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