Casting-Einerlei
Eigentlich wäre die Casting Show "Voice of Germany" die Chance gewesen, mal vom üblichen Schema F abzurücken. Ja, es wird mehr auf das Können geachtet und weniger gepoltert, es gibt kein "durch den Dreck ziehen" der Kandidaten wie bei RTL.
Am Ende ist aber doch alles wie gehabt: der Gewinner bekommt einen Plattenvertrag und wird aller Voraussicht nach früher oder später wieder in der Versenkung verschwinden, sobald die mediale Aufmerksamkeit nachlässt. Dabei hätte Pro Sieben/Sat.1 durchaus andere Optionen gehabt als der Musikindustrie, hier Universal Music, ein Talent zur Vermarktung zu überreichen. Wäre Talentförderung nicht eigentlich deren Job?
Wie wäre es mit professionellen Websites für alle Kandidaten, die es in die Live Shows geschafft haben? Oder mit YouTube Kanälen, bzw. der Einbindung sozialer Netze wie SoundCloud, Twitter oder Facebook in die Show? Warum schafft man für die Kandidaten nicht mal die Voraussetzungen, damit sie ihre Musik auch nach der Show selbst über iTunes & Co erfolgreich vermarkten können? Natürlich könnte man Verträge so gestalten, dass die Sender als Sponsoren auftauchen und so zur eigenen Imagepflege beitragen. Auf diese Weise wäre nicht nur den Kandidaten mehr geholfen - es wäre auch der erste, längst fällige Schritt, um das Auslaufmodell Musikindustrie nachhaltig auf's Abstellgleis zu befördern.
Der Bratmaxe und andere Grausamkeiten
Die Grillsaison ist kaum angebrochen, schon schallt uns der "Bratmaxe-Song" aus allen Kanälen entgegen. "Ganz Deutschland singt den Bratmaxe-Song", zumindest hätte Hersteller Meica das gerne. Ganz Deutschland? Nein, nur Tim aus Rostock, Guido aus Soest oder Familie Weber aus Mainz. Der Rest Deutschlands rätselt, welchen Torturen Meicas Werbedarsteller wohl ausgesetzt wurden, um derart schauerliche Töne absondern zu können. Sicher ist ihnen auf jeden Fall, für den Rest ihres Lebens als Bratmaxe gebrandmarkt und verspottet durchs Leben gehen zu müssen.
Betrachtet man Internet-Communities wie Facebook, befindet sich der Bratmaxe in guter Gesellschaft mit anderen Werbe-Quälgeistern: Carglass rechnet vermutlich damit, dass die Zuhörer der Werbespots aus Verzweiflung ihren Kopf gegen die Scheiben ihrer Fahrzeuge donnern (oder einen der dialektsprechenden Mitarbeiter aus der Werbung) und Seitenbacher ist nicht gut für die Verdauung, sondern verursacht Bluthochdruck - bei mir zumindest.
Dass es auch besser geht, zeigte der MediaMarkt vor Jahren mit Joachim Steinhöfel als Werbefigur - an die Spots erinnere ich mich heute noch. McDonalds Spots waren vor dem unsäglichen "Ich liebe es"® mal witzig. Auch Nullinger und Fieslinger von der Sparda-Bank zeigen, dass man den Leuten nicht mit der gleichen Werbebotschaft wieder und wieder auf den Wecker gehen muss - die Halbwertszeit der Spots ist erfreulich gering.
Nun verfolgen Meica, Seitenbacher oder Carglass ganz sicher nicht das Ziel, ihre Kundschaft zu unterhalten. Wenn Werbung aber derart an den Nerven rüttelt, dass man während deren Ausstrahlung schneller den Sender wechselt als beim Auftauchen von Bill Kaulitz bleibt nur zu hoffen, dass der erwünschte unbewusste Erinnerungseffekt in einen bewussten Vermeidungsreflex umschlägt. Da Bratmaxe, Carglass und Seitenbacher uns jedoch schon seit Jahren mit ihren Spots terrorisieren ist zu befürchten, dass die Werbebotschaft bei einem gewissen Teil der Bevölkerung Wirkung zeigt. Eine grausame Vorstellung...